Dieses Interview, geführt von Andreas Thieme (TZ/Münchner Merkur) vom 18. Mai ist der einzige Beitrag, worin mein Mann ehrlich und ohne "Modifikation" zu Wort kommt:

 

Herr Mauser, Sie sind gerade zu zwei Jahren und neun Monaten Haft wegen sexueller Nötigung verurteilt worden. Wie geht es Ihnen?

Siegfried Mauser: Das Urteil ist schwer zu ertragen. Der monatelange Prozess war eine ungeheure Dauerbelastung, die auf Seele, Körper und Geist drückt. Seit mehr als zwei Jahren wache ich jeden Morgen damit auf und gehe abends damit ins Bett. Ich bin in ärztlicher Behandlung, sonst würde ich das gar nicht durchstehen.

Wie werden Sie behandelt?

Mauser: Ich bekomme Psychopharmaka und werde therapeutisch begleitet, auf dieser Basis kann ich auch wieder arbeiten. Aber es ist ein ganz anderes Leben geworden.

Was für ein Leben?

Mauser: Ich habe alles verloren. Nicht nur institutionell, meine Ämter und Positionen. Ich kriege auch seit Juni 2017 kein Gehalt mehr.

Wegen der Sex-Vorwürfe wurde Ihr Vertrag am Mozarteum aufgelöst.

Mauser: Ja. In beiderseitigem Einvernehmen. Um dieses Amt bekleiden zu können, hatte ich an der Musikhochschule in München Sonderurlaub bekommen. Doch bis alle Urteile rechtskräftig sind, bin ich offiziell weiter beurlaubt. Als freiberuflicher Musiker bekomme ich zwei Drittel weniger Aufträge. Wenn ich nicht Kredite aufgenommen hätte oder Freunde mich unterstützt hätten, wäre ich verloren. Und ohne meine Frau würde ich wahrscheinlich gar nicht mehr leben.

Wie meinen Sie das?

Mauser: Meine Existenz ist bedroht, mein Ruf beschädigt. In der tiefsten Krise meines Lebens hat Sie mich selbstlos unterstützt.

Bereits am Amtsgericht wurden Sie wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Nun sollen sie wegen sexueller Nötigung fast drei Jahre ins Gefängnis. Vom Tatbestand der Vergewaltigung rückte das Gericht ab. Wie stehen Sie jetzt zu den Vorwürfen?

Mauser: Im Fall, der nun zu meiner Verurteilung führte, habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich kannte die Frau aus meiner Studienzeit. Sie versuchte mit allen Mitteln eine Stelle an der Hochschule zu bekommen und hat mich deshalb wiederholt bedrängt - auch sexuell, was mir unangenehm war. Einmal musste ich sie aus dem Zimmer schieben, da ich Termine hatte und sie nicht gehen wollte. Meine damalige Sekretärin konnte das bestätigen. Mich deshalb zu verurteilen halte ich für einen Skandal.

Und der Vergewaltigungsvorwurf?

Mauser: Der stammt aus dem Jahr 2004, damals war ich geschiedener Single und hatte eine Affäre, die im Büro der Musikhochschule begonnen hat. Wir hatten öfters Sex - einvernehmlich. Für mich war es an der Schwelle, dass daraus eine Beziehung werden könnte. Aber es hat nicht so richtig gepasst. Das war traurig, auch für mich. Nach einem klärenden Gespräch war die Sache beendet. Anderthalb Jahre später kam es noch einmal zum Sex. Das hätte ich vielleicht nicht zulassen sollen. Zwölf Jahre später hat sie dann behauptet, dass ich sie bei unserem ersten Beischlaf vergewaltigt hätte.

Die Anzeige hatte sie bei der Polizei erstattet, während der erste Prozess gegen Sie lief. Offensichtlich hatte dieser etwas in ihr ausgelöst.

Mauser: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich ist es das älteste Motiv der Welt: Rache als Konsequenz von Kränkung und Enttäuschung. Ich kann sagen: Ich habe nie Gewalt gegen eine Frau angewendet oder mit Gewalt gegen ihren Willen gehandelt. Auch nicht im zweiten angeklagten Fall. Das schwöre ich beim Leben meiner Kinder.

Vor Gericht wurde von Ihnen das Bild eines grapschenden und sexuell gierigen Musik-Professors gezeichnet. Ihre Verteidiger sagten, Sie hatten mehr als 100 Geliebte.

Mauser: Es waren viele, aber nicht so viele - an der Musikhochschule gar keine. Man kann das moralisch verurteilen, das akzeptiere ich. Aber strafrechtlich fühle ich mich unschuldig. In der Grauzone dazwischen liegt das Vernichtungspotenzial gegen mich.

Haben Sie Angst vor dem Gefängnis?

Mauser: Ja. Mein Leben wäre quasi beendet, wenn es so kommt. Ich darf mich nicht damit beschäftigen und schiebe es innerlich weg. Ich setze meine ganze Hoffnung jetzt in die Revision.

Ihren Lebensstil hatten Sie als libertär beschrieben: freizügig und lustvoll. Was das angeht, scheint auch die Musikhochschule kein Ort von Traurigkeit zu sein. Von Sodom und Gomorrha war die Rede. Stimmt das?

Mauser: Ich bin ein Kind der 68er Jahre. Viele meiner Freunde führen so ein Leben wie ich. Aus meiner Sicht war es an der Musikhochschule nicht unmäßiger als etwa in einer Klinik. Also nicht so frivol, wie es dargestellt wurde.

Sie hatten, wie im Prozess herauskam, Sex auf der Couch in Ihrem Büro. Ein Einzelfall?

Mauser: Ich weiß von einigen Liasons zwischen Studierenden und Lehrenden. Ich gehörte aber nicht dazu. Die Frau war kein Mitglied der Hochschule. Auch Verhältnisse mit Kolleginnen habe ich vermieden. Mit einer einzigen Studentin hatte ich mal ein Verhältnis - nach ihrem Diplom. Ich weiß von fünf Kollegen, bei denen daraus sogar eine Ehe entstanden ist. Anziehungskraft entstand oft durch den sensiblen Gegenstand der Musik und die emotionale Nähe im Einzelunterricht. 

Was sagt Ihre Ehefrau dazu?

Mauser: Es ist ein großes Wunder, dass Sie so zu mir steht.

Wenn Sie ehrlich mit sich selbst ins Gericht gehen: Was würden Sie rückblickend gerne ändern?

Mauser: Ich habe zu übermütig und zu fahrlässig gelebt. Als sexuell orientierter Mensch habe ich vielen Möglichkeiten der Versuchung nachgegeben. Wer mich kennt, weiß aber, dass mir Gewalt fremd ist. Allenfalls ist mein Temperament manchmal ungestüm.

 

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