„Warum glauben Sie der Frau mehr als mir?“

Von Gisela Friedrichsen

Siegfried Mauser beteuert, seine Machtposition niemals ausgenutzt zu haben - nun wurde er verurteilt

Er war ein gefeierter Pianist. Doch Siegfried Mauser konnte die Finger nicht von den Frauen lassen. Über das Dilemma der Richter, die bei Aussage gegen Aussage allein aufgrund von Überzeugungen urteilen.

Wie konnte er nur! Ein gestandener Mann, verheiratet, zwei Kinder, Hochschullehrer, gefeierter Pianist, ehemaliger Rektor der Münchner Musikhochschule und des Mozarteums in Salzburg. Alles hat er aufs Spiel gesetzt: seine Ehre, seinen Ruf, womöglich auch seine wirtschaftliche Existenz. Und nun ist alles dahin, weil er die Finger nicht von den Frauen lassen konnte. Oder mit seinen Worten: „Weil ich kein Heiliger war.“
Vor Gericht, es ist die 10. Kammer des Landgerichts München I mit der Vorsitzenden Judith Engel, gibt ein zerknirschter Siegfried Mauser „unbekümmerten Übermut bis unachtsame Dummheit“ zu. Er habe fahrlässig eine „ungenaue Trennschärfe zwischen der privaten und der beruflichen Sphäre“ zugelassen. „Sexuelle Attraktionen habe ich nicht aus der Hochschule herausgenommen, sondern auch dort sexuelle Kontakte gesucht und aufgenommen.“
In seinem Büro, im Hotel, auf Reisen, bei Veranstaltungen, hundert sollen es gewesen sein oder mehr, gezählt hat er sie nicht. Er sei eben eine „Projektionsfläche für Enttäuschungen“ gewesen, sagt er. Aber einer, der sich verhält wie Mauser, darf sich dann auch nicht wundern.

Er beteuert, seine Machtposition nie ausgenutzt zu haben, wenn er Frauen bedrängte oder sich von ihnen bedrängen ließ. „Keine Frau wurde bevorzugt oder benachteiligt, weil sie Kontakt mit mir hatte“, sagt er. Vielleicht bestand aber gerade darin das Problem.
Diejenigen, die sich von ihm etwas erhofften, entwickelten möglicherweise einen Mordszorn und sannen auf Rache, nachdem sie eine ersehnte Stelle trotz ihrer Gefälligkeiten nicht bekamen. Oft entschied auch gar nicht Mauser über die Beschäftigung, sondern das Ministerium oder ein Kollegengremium, was die Bewerberinnen wussten. Trotzdem baute so manche auf seinen Einfluss. Eine Frau schrieb an Bekannte, nachdem erste Vorwürfe gegen ihn öffentlich wurden, dass sie sich „die Aufführung nicht entgehen lasse“ – und meinte damit den Strafprozess in München. Zudem werde sie ein „Hexengelächter“ anstimmen, „ho-ho-ho“, und Mauser „sinken sehen“ wollen.
Daran konnte, wer wollte, sich reichlich erfreuen. Denn vor Gericht saß Mauser da wie ein begossener Pudel. Keine Spur mehr von einem Don Juan, sondern nur noch ein Bild des Jammers. Ach, du lieber Augustin.
Vor Gericht wird er gebeten, seine Karriere zu schildern. Noch nicht 30 Jahre alt, war er schon Professor in Würzburg. Es folgte ein Ruf ans Mozarteum, dann München, wo er 2003 zum Präsidenten der Hochschule gewählt wurde, sodann Rektor in Salzburg. Man riss sich um ihn. Er wurde gerühmt als Mozart-Interpret, als Redner, als Juror. „Er hat die Gabe, Menschen zusammenzubringen und Schwung zu erzeugen“, sagt ein Kollege über ihn. Und: „Er ist ja sehr initiativ – in allen Bereichen.“
Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, 2016, folgte der Absturz. Das Amtsgericht München verurteilte Mauser wegen sexueller Nötigung zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung, er musste 25.000 Euro Geldstrafe zahlen. Der Richter rief ihm hinterher: „Mit Verlaub, Herr Rektor, Sie sind ein Grapscher.“ Denn er hatte eine Professorin angeblich gegen deren Willen geküsst und bedrängt.
Die dagegen eingelegte Berufung war erfolgreich: Die Strafe wurde auf neun Monate reduziert - eine Gitarristin, der er bei einer Probe in die Hose gefasst haben soll, hatte sich offenbar nicht gewehrt. Er habe ihren Widerwillen vielleicht nicht erkannt, steht im Urteil. Über die Revision ist noch nicht entschieden.
Als die Medien darüber berichteten und der Bayerische Rundfunk Frauen aufrief, sich als „Opfer“ zu melden, kam es zu einer zweiten Anklage. Wieder stand Aussage gegen Aussagen. Da waren die Angaben des Angeklagten, der freimütig zugab, sich genommen zu haben, was sich anbot – jedoch nie mit Gewalt. Dagegen liefen die Aussagen von Frauen, die behaupteten, als sie die Medienberichte lasen, sich an ähnliche Erlebnisse mit Mauser zu erinnern.
Was stimmt? „Auch Richter haben keine von Gott gegebenen Fähigkeiten, festzustellen, wer die Wahrheit sagt. Deshalb gilt selbst in Amerika, dem Land, dessen Rechtssystem hierzulande gern kritisiert wird, dass im Fall von Aussage gegen Aussage kein Prozess zugelassen wird – weil man nicht wissen kann, ob der Belastungszeuge neutral und unbefangen ist oder gar ein eigenes Interesse am Ausgang des Verfahrens hat. Vor allem weiß man nicht, ob er sich richtig erinnere, sagten Mausers Verteidiger Alexander Stevens und Philip Müller. Sie stießen auf taube Ohren.
Die Richter hielten es für erwiesen, dass Mauser 2004 mit einer flüchtigen Bekannten, die sich als Assistentin seiner Referentin bewarb, in seinem Büro überfallartig sexuell verkehrte. Aber sie verurteilten ihn nicht wegen Vergewaltigung.
Denn: Man habe nicht sicher feststellen können, so die Vorsitzende, dass der Akt „gegen den Willen der Frau stattfand und Gewalt im Spiel war“. Wörtlich: „Wenn ein Opfer mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden ist und den Täter gewähren lässt, dann hat dies nichts mit Gewalt zu tun.“
Opfer? Täter? Die Aussage sei besonders glaubhaft, sagte die Vorsitzende, weil die Frau nach 14 Jahren noch habe beschreiben können, wie hilflos sie auf der Couch lag, während Sonnenstrahlen ins Büro fielen. „Das mit den Sonnenstrahlen denkt sich eine Zeugin nicht aus“, entschied das Gericht. Dies sei der Hauptpunkt, warum der Frau mehr geglaubt wurde als dem Angeklagten.
Wer lügt und wer sagt die Wahrheit?
Dann ging es um eine weitere Dame, die Mauser schon seit der gemeinsamen Studienzeit kennt und die sich mehrfach erfolglos als Professorin beworben hatte. In seinem Büro soll es erneut zu drei überfallartigen Annäherungen gekommen sein. Trotzdem sprach die Frau stets wieder bei Mauser vor. Der bestreitet die Anschuldigungen mit Nachdruck. Die Frau, er nennt sie „die Narrische“, habe ihn belästigt. Wer lügt?
Besonders schwerwiegend sei die zweite Tat im Jahr 2009 gewesen, so das Gericht weiter. Wieder soll es erst zu einem unerwünschten Zungenkuss gekommen sein. Weil sich die Frau damals gerade die Brust hatte verkleinern lassen, habe sie starke Schmerzen erlitten. Mauser habe erst von ihr abgelassen, nachdem sie gerufen habe: „Hör auf! Ich habe da Wunden!“ Wegen dieser mutmaßlichen Übergriffe beantragte die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Und Haftbefehl.
Dem folgte die Kammer zwar nicht. Aber sie verurteilte Mauser wegen drei Fällen der sexuellen Nötigung zu zwei Jahren neun Monaten, was zum Verlust seiner Altersversorgung führen könnte. „Über Bewährung können wir hier nicht mehr nachdenken“, sagte die Vorsitzende und belehrte gleich zweimal über die Möglichkeit einer Revision durch den Bundesgerichtshof. Es klang, als sei sie sich des Strafausspruchs selbst nicht ganz sicher.
Verteidiger Stevens mahnte denn auch den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit an: „Grapschen ist kein Kapitalverbrechen. In München hat vor Kurzem ein Angetrunkener eine junge Frau mit einem Faustschlag niedergestreckt und ihr dabei die Nase gebrochen. Dem blutenden Opfer spuckte er sodann ins Gesicht. Er wurde zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen verurteilt.“ Vor zwei Jahren sei Grapschen noch nicht einmal strafbar gewesen.
Seit der Reform des Sexualstrafrechts komme es allein auf die Bewertung des Gerichts an, ob es sich um eine sexuell erhebliche Handlung handle (Strafmaß bis zu zehn Jahren) oder um gewaltsames Grapschen (bis zu 15 Jahre). Das bloße Berühren oberhalb der Kleidung könne dafür schon genügen. „Schließt das Oktoberfest!“, sagt Stevens – zum Schutz der Frauen.
Am Ende passiert noch etwas Ungewöhnliches, Mauser will noch etwas sagen. „Warum glauben Sie der Frau mehr als mir?“, fragt er die Vorsitzende, sichtlich mitgenommen wegen des Schuldspruchs, als sie schon dabei ist, den Saal zu verlassen. „Wir haben geprüft, ob die Geschädigte Sie vernichten wollte mit einer falschen Anschuldigung, und sind zu dem Schluss gekommen: nein. Und wir haben geprüft, was sie wie geschildert hat“, antwortet sie ihm.
„Haben Sie auch die Querelen an der Hochschule berücksichtigt?“, setzt Mauser nach. Denn da ging es sprichwörtlich zu wie in Sodom und Gomorrha, mit Tratsch und Lügen und Konkurrenzkämpfen unter den Professoren und Dozenten, um vakante Stellen, um Macht und Einfluss. Einer von ihnen, Moritz Eggert, musste vom Gericht sogar explizit zur Wahrheit ermahnt werden, so sehr hatte er sich in seinen Verdächtigungen verheddert. Mauser ringt nach Luft. Ja, man habe sich auch damit beschäftigt, sagt die Richterin. Keine Chance.
Der Münchner Strafrechtsprofessor Klaus Volk bringt das Problem eines solchen Falles auf den Punkt: „Ein Astronom, der verkündet, es gebe einen neuen Stern, nur könne er dies leider nicht beweisen, wird nicht ernst genommen. Denn ohne Beweis gibt es diesen Stern nicht. Weder Vermutungen noch Thesen lassen ihn erstrahlen.“ In einer ähnlichen Rolle befinde sich der Richter, wenn er bei Aussage gegen Aussage – ohne Beweise, allein aufgrund seiner Überzeugung – urteilt, welche er für die richtige oder für die falsche hält.
Der Unterschied allerdings ist, dass ein Gerichtsurteil stets ernst genommen werden muss, sehr ernst.

Anmerkung: Frau Friedrichsen hat die juristische Situation sehr gut erkannt und dargestellt: Mein Mann wurde ohne Beweise und/oder Tatzeugen trotz erheblicher Unstimmigkeiten und Widersprüchen der „Beweisführung“ der Anklage zu einer zudem unverhältnismäßig hohen Strafe verurteilt.
Missverständlich lässt sich aus dem Artikel jedoch schließen, dass sich viele sexuelle Kontakte innerhalb des Hochschulbereichs abgespielt hätten, wobei jedoch der beschriebene Fall eine Ausnahme darstellt. Das "wilde" Leben meines Mannes betrifft zudem hauptsächlich die Zeit der 70er und 80er Jahre - nicht die Jahre seiner Präsidentschaft in München.

Es bleibt zu fragen, ob ein freizügiger Lebensstil, der damals allerseits nicht nur goutiert, sondern sogar forciert worden war, überhaupt und zudem rückwirkend kriminalisiert werden darf...