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Rezension vom 03. 09. 2012 Passauer Neue Presse

Der Tod und der junge Mann

Das Festival Kulturwald eröffnet mit einem außergewöhnlichen „Jedermann“ – Regie Georg Blüml

Als am Ende ein reuiger Jedermann im Büßergewand und sich unterwerfender Haltung vor dem wunderbaren gotischen Kruzifix liegt – und "Glaube" und "Gute Werke" das Leichentuch über ihn breiten – da war Totenstille. Es gab wohl niemanden an diesen drei Abenden in der Heilig-Grabkirche in Deggendorf, dem nicht ein Schauder über den Rücken lief angesichts dieser starken Inszenierung, die den Auftakt zum diesjährigen Festival Kulturwald bildete.

1200 Zuschauer haben das Memento Mori von Hugo Hofmannsthal in einer konzentrierten und klug durchdachten Inszenierung gesehen. Regisseur Georg Blüml hat dem Spiel, das vor allem durch seine bombastischen und aufwendigen Inszenierungen bei den Salzburger Festspielen bekannt ist, allzu üppiges Beiwerk genommen und den Text auf die wichtigen Aussagen und Begegnungen des Jedermann gut eingekürzt. Die radikalste Veränderung hat er aber in der Besetzung gewagt. Mochte man im Vorfeld vielleicht skeptisch sein, dass Jedermann mit einem sehr jungen Mann besetzt wurde, so zeigte sich an den drei Abenden, dass diese Wahl perfekt war – ja, der Figur eine neue Dimension der Tragik gab.

Nicht einer, der sein Leben schon gelebt hat, wird vor den Herrn gerufen, sondern einer, der sein Leben noch vor sich haben sollte. Moritz von Treuenfels war bereits in einigen Rollen an den Münchner Kammerspielen zu erleben. Sein Jedermann ist ein erfolgsverwöhnter, netter Junge der Yuppie-Gesellschaft in Businessklamotten (Eva Lüpps und Sylvia Kellner), will durchaus Gutes tun, aber nicht zu viel, will durchaus heiraten, aber erst später, will sich durchaus Gott zuwenden, aber ein anderes Mal. Die Ungläubigkeit, Erstarrung, Verzweiflung, Trostsuche, die dieser Jedermann erfährt, wenn der Tod zum Gastmahl erscheint, die stellt Moritz von Treuenfels schreiend, kreischend, lispelnd, erstickt und fassungslos so anrührend und mit einer großen Hingabe dar, die die Dimension des Todes eines jungen Menschen mit aller Wucht auf die Zuschauer wirft.

 

Im guten Ensemble überzeugen Hannes Liebmann, der ein hervorragender Sprecher ist und einen geschäftsmäßigen Tod gibt - ohne Sensengeklapper, aber mit viel Dämonie, Rasmus Max Wirth in der Doppelbesetzung  als Teufel und guter Gesell -  als letzterer ein aalglatter, gegelter Freund, als ersterer sensationell alle Register ziehend, um dem Mephisto mehrere diabolische Ebenen zu geben: vom Spötter zum Verlierer.

Milla Trausch gestaltet die besorgte Mutter ebenso fein, wie den Glauben, Maria Adriana Albu legt ihre Guten Werke als zerbrechliche Kranke an, die Jedermann liebt.

Amélie Sandmann ist als fordernde, ältere Buhlschaft ebenso kraftvoll wie als Mammon.

Regisseur Georg Blüml stellte mit Bühnenbauer Erwin Kloker bewegliche Drehelemente vor das Presbyterium, die verschiedene Zwecke erfüllen konnten.

Beeindruckende Bilder hatte die Inszenierung genug: Der wunderschöne Kirchenraum wurde effektvoll ausgeleuchtet, die Zuschauer in der Realität des Alltags abgeholt und in die spirituelle Welt versetzt.

 

(leicht gekürzter Artikel von E. Rabenstein)